Symposion 2009: Was fehlt den Kindern von Heute?

Unser erstes Symposion! Es war von Anfang an Ziel dieses und der folgenden Symposien, möglichst unterschiedliche Sichtweisen zur Sprache kommen zu lassen. Auf diese Weise sollte jeder Zuhörer zum Nachdenken angeregt wird. Nicht abschließende Antworten, sondern vielmehr eine Vertiefung und Wandlung der Fragestellung ist erwünscht.

Das Symposion 2009 bewegte sich im Spannungsfeld zwischen Medizin und Pädagogik. Jede Pädagogik hat die Selbständigkeit bzw. Mündigkeit des Heranwachsenden zum Ziel – egal auf welchem Wege sie erreicht werden soll. Gerade in der Montessori-Pädagogik wird den Schülern immer wieder vermittelt: Wir trauen dir zu, Verantwortung für dich selbst, für deine eigene Entwicklung, für deinen Lernprozess, für dein Tun und Lassen zu übernehmen. Wenn aber von Seiten der Medizin diesem Kind eine Störung attestiert wird, lautet die Botschaft: Du kannst nichts dafür, dass du dich so oder so verhältst. Man kann dich dafür nicht verantwortlich machen. Wenn er zum Patienten gemacht wird, droht dem Kind was jedem Menschen im Patientenstatus droht: der Verlust seiner Mündigkeit.

Als Erster war Dr. Michael-Andor Marton an der Reihe, Pädiater und komm. Ärztlicher Direktor am Kinderzentrum München. Er stellte einige Gedanken zu Forderungen an eine ideale Schule auf der Basis entwicklungspädiatrischen und neurobiologischen Wissens dar. Dabei seien insbesondere die Variabilität der kindlichen Entwicklung sowie die Einflüsse von Motivation und Emotion auf den Lernerfolg zu berücksichtigen. Außerdem beleuchtete er kritisch den systembedingten "Etikettierungsdruck" auf die Medizin. Auch mit den Grenzen der hierbei angewandten medizinischen Klassifikationssysteme (z.B. der "ICD-10"), der Pädagogisierung von Heilmittelverordnungen, sowie der zunehmenden Psychiatrisierung von Alarmsymptomen einer gefährdeten Entwicklung setzte er sich kritisch auseinander.

Als Nächster sprach Dr. Frank Beer, Oberarzt an der Heckscher-Klinik und Leiter der kinder- und jugendpsychiatrischen Abteilung am Klinikum Ingolstadt. Er tat das, worum er gebeten worden war. Er stellte den state of the Art, den Forschungsstand der schulmedizinischen Wissenschaft hinsichtlich ADHS vor. Klar, dass ihm mit diesem Thema nicht die Herzen der Zuhörer zuflogen. Dass ADHS auf eine genetisch bedingte neuronale Störung zurückzuführen und häufig mit Psychopharmaka zu behandeln sei, hörte nicht jeder gern. Schließlich schränkt diese Sichtweise die erzieherischen Einflussmöglichkeiten von Eltern und Pädagogen sehr stark ein.

Als dann Catherine Moser, eine psychologische Psychotherapeutin, das Wort ergriff, kam es zu einem radikalen Perspektivwechsel. Sie berichtete von ihrer therapeutischen Arbeit mit verhaltensauffälligen Kindern, wobei Beziehung und Sprache von zentraler Bedeutung sind. Ihre zum Teil überraschenden, manchmal auch gewagten Deutungen der kindlichen Sprache regten zu einer völlig anderen Sichtweise als die der so genannten evidenzbasierten Medizin an. Obwohl Frau Moser weitgehend vom Blatt ablas und ihr französischer Akzent das Zuhören gelegentlich erschwerte, kam es im Auditorium spürbar zu Momenten echter Rührung. Wie sich das Phänomen ADHS aus der Sicht der Homöopathie darstellt, erläuterte anschließend Dr. Nikolaus Hock, Facharzt für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Homöopath. An Hand von einigen zum ADHS gehörenden Symptomen zeigte er auf, was man sich unter einer homöopathischen Anamnese vorzustellen habe. Ein Fallbeispiel illustrierte die Erfolgschancen der Homöopathie bei ADHS. Dr. Hocks Vortrag war kurzweilig und witzig, manchmal frech und polemisch und manchmal auch sarkastisch. Durchgehend spürbar war seine große Leidenschaft für die Homöopathie.

Nun näherten wir uns mehr und mehr der Pädagogik. Diplom Psychologin Regina Simon referierte vor dem Hintergrund ihrer Erfahrung als Lerntherapeutin. Als solche bewegt sie sich in einem Arbeitsfeld, das medizinische und pädagogische Aspekte in sich vereint. Sie ging der Frage nach, wie einem schulischen Problem, nämlich der Rechtschreibstörung Legasthenie, mit therapeutischen Mitteln begegnet werden kann. Sie tat dies in bemerkenswert kurzer Zeit klar, präzise und umfassend.

Auch Angelika Rehberger, unsere mittlerweile verstorbene Montessori-Therapeutin und Erzieherin, arbeitete im Grenzbereich zwischen Medizin und Pädagogik. Sie stellte an Hand von Beispielen aus ihrer Praxis die Möglichkeiten und grenzen dieses therapeutischen Ansatzes dar. Ich war beeindruckt von ihrer ruhigen Art und konnte mir sofort gut vorstellen, dass sie auf hyperaktive oder ängstliche Kinder eine positive Wirkung ausübt. Der überschaubare, in seiner Logik leicht nachvollziehbare Ablauf der praktischen Übungen dürften so manchem unruhigen Kind eine Hilfe zur Zentrierung und Impulskontrolle sein. Wie in der Regelschule, hier insbesondere dem Sonderpädagogischen Förderzentrum Dachau mit verhaltensauffälligen Schülern gearbeitet wird, erläuterte Irmgard Wilfurth in ihrem Vortrag. Die Sonderpädagogin und Leiterin des Sonderpädagogischen Beratungszentrums Dachau beschönigte die Schwierigkeiten und extremen Anforderungen an die Lehrkräfte in der täglichen Praxis keineswegs. Ähnlich wie Frau Moser hob auch sie die grundlegende Bedeutung der Beziehung – hier der Lehrer-Kind Beziehung – hervor. Sie beklagte, dass dafür oft zu wenig Zeit bzw. Mittel zur Verfügung stünden und rief die anwesenden dazu auf, sich aktiv und lautstark beim Gesetzgeber für eine kindgerechtere Schule einzusetzen.

Als letzte, quasi als Hausherrin, sprach Roswitha Bernard, die Schulleiterin unserer Grundstufe, über den Wert der Montessori-Pädagogik für die arbeit mit verhaltensauffälligen Schülern. Die schwierige Herausforderung als Letzte vor einem mittlerweile ermüdeten Publikum zu sprechen bewältigte sie bravourös. Ihr Fazit: Bis zu einem gewissen Grad kann die Montessori-Pädagogik tatsächlich eine heilende Wirkung auf das verhaltensauffällige Kind haben. Ihr seien aber auch deutliche Grenzen gesetzt: Manche Kinder könnten wir mit unseren Fördermöglichkeiten und in unserem Umfeld nicht adäquat unterstützen.

Kontakt Symposion

Fragen und Anregungen können Sie gerne an Leonard Heffels richten.