Symposion 2010: Kind oder Kunde?

Das Symposion 2010 bewegte sich im Spannungsfeld zwischen Markt, genauer gesagt: Marketing und Mündigkeit. Neben Schule und Elternhaus tritt ja die Werbung mehr und mehr als eine erziehende Instanz auf, die die Meinungen, den Geschmack und die Wünsche der Kinder stark beeinflusst. Dabei verschleiert sie häufig recht geschickt ihre Absicht, an das Geld der Kinder bzw. ihrer Eltern zu gelangen. Erfolgreiche Werbung weiß sich zu tarnen, kommt als witzige und coole Unterhaltung daher und signalisiert den Kindern: Wir verstehen dich, wir wissen, was du cool findest. Dabei werden auch Lebenseinstellungen geprägt: Kaufen macht glücklich; Markenklamotten verschaffen dir Freunde; nur wer hat, gehört dazu.

Fünf Referenten aus unterschiedlichen gesellschaftlichen Bereichen setzten sich kritisch und engagiert mit dem Thema auseinander: Dr. Thomas Steinforth Vorstandsreferent der Caritas München, Dr. Tobias Effertz vom Institut für Recht der Wirtschaft der Universität Hamburg, Axel Dammler von Iconkids & Youth International Research, Sabine Häberlein von der Verbraucherzentrale Bayern e.V., Anne Lindenberg von IN HOPE - Praxis & Ausbildungsinstitut für Psycho-Holistik, München.

Thomas Steinforth

Seine Bedächtigkeit und sein gewissenhafter Umgang mit der Sprache luden gleich am Anfang des Symposions zu ernsthaftem Erwägen grundsätzlicher Gedanken ein. Durch und durch der katholische Gelehrte, unterbreitete Thomas Steinforth dem Publikum ohne Showeffekte, aber in großer Klarheit seine These, dass Selbstachtung der beste Schutz gegen jegliche Konsumverführung bietet. An keiner anderen Stelle im Programm hätte er seinen Beitrag wirkungsvoller leisten können. Die Konzentrations- und Aufnahmefähigkeit der Zuhörer war noch groß und es standen noch keine anderen Reden im Raum. Ich war sehr beeindruckt von seiner Fähigkeit, auch komplexe Schachtelsätze stets im Sinne ihres Anfangs zu beenden. Nicht ein Mal habe ich beobachtet, dass er den Faden verlor und sich in seinen Gedanken verhedderte – auch nicht bei den spontanen Beiträgen in der Podiumsdiskussion. In den handgeschriebenen Bibeltexten des Mittelalters ist das Wesentliche stets schon im Anfang, im kaligrafisch und bildlich reich ausgestalteten ersten Buchstaben enthalten. Ähnlich empfinde ich, dass in Steinforths Auftakt alles Wesentliche bereits enthalten war.

Tobias Effertz

Symposion Montessori-Schule Dachau

Tobias Effertz (Mitte) und Axel Dammler (links) vertreten bei der lebhaft geführten Podiumsdiskussion dezidiert verschiedene Positionen.

Von der Philosophie zur Staatswissenschaft, von der Erziehung der Persönlichkeit zur Politik des Gesetzgebers. Der Wirtschaftswissenschaftler Tobias Effertz machte erst gar nicht den Versuch seine Forschungsergebnisse wertungsfrei zu präsentieren. Mit einer Leidenschaft, die mich angenehm überraschte, bezog er klar Stellung gegen jegliche Werbung, die Minderjährige zu gefährlichem Konsum verführt. Gleichzeitig untermauerte er jede seiner Aussagen mit einer Fülle statistischer Daten von hoher Signifikanz. Es zeigte sich bald, dass sein Referat den gesetzten Zeitrahmen zu sprengen drohte. Schade, dass er daraufhin das Tempo so sehr erhöhte und seine textreichen Folien über die Leinwand jagte, dass die Performance etwas Gehetztes bekam. Trotzdem war sein Botschaft klar: Gesetzliche Einschränkungen der Werbung und höhere Steuern auf gefährlichen Konsumgütern sind wirksame und wünschenswerte Mittel zum Schutz der Minderjährigen. Im weiteren Verlauf der Tagung zeigte er sich als sehr aufmerksamen Zuhörer und Mitdenker.

Axel Dammler

Der Geschäftsführer des größten Kinder- und Jugendforschungsinstituts Deutschlands präsentierte sich als dynamischer Unternehmer, der die Vorlieben und Interessen von Kindern und Jugendlichen vorurteilsfrei zur Kenntnis nimmt. "Wir hören den Kindern zu, wir wollen ihnen nichts verkaufen", stellte er gleich zu Beginn klar. Was er und seine Mitarbeiter dabei erfahren, verkaufen sie zwar an die Marketingabteilungen namhafter Firmen. Doch wurde auch sichtbar, dass ihn nicht nur geschäftliches Interesse dazu bewegt, sich als verständnisvoller Anwalt der Kinder- und Jugendbedürfnisse hervorzutun. In seinem wortreichen Kampf gegen die Unaufrichtigkeit der bürgerlichen Moral, gegen die subtilen Selbsttäuschungen der Arrivierten, gegen die Macht der Middleclass-Mainstream war eine echte Solidarität mit den Jugendlichen spürbar. Fast erschien es so, als wäre ihr Kampf um die Anerkennung ihres Soseins auch seiner, als würde er sich mit dem Aufbegehren der Jugendlichen gegen verkrustetes Denken und Werten tatsächlich identifizieren. Auf jeden Fall war er für mich dort am glaubwürdigsten, wo er meine Ansichten, meine Werte und meinen Geschmack als Mittvierziger in Frage stellte. Weniger überzeugend empfand ich, wie er die Bedeutung und Wirksamkeit von Kinderwerbung bewertete.

Anne Lindenberg

Mit der psychotherapeutisch arbeitenden Heilpraktikerin Anne Lindenberg schloss sich der Themenkreis des Symposions. Was Thomas Steinforth eingangs eher als Theorie referiert hatte, griff – sie von der Familienpraxis kommend – im letzten Vortrag wieder auf: der Selbstwert des Kindes als Garantie für angemessenes Konsumverhalten. Bisher war viel über Werbemethoden und Gesetze, über Zahlen und Statistiken, über Kinderlebensmittel, Alkohol und Zigaretten gesprochen worden, das heißt über Dinge und Verhältnisse, die außerhalb von uns existieren. Anne Lindenberg wollte am Ende unsere Blickrichtung wenden und unsere Aufmerksamkeit auf uns selbst lenken. Wo verstärken wir als Eltern bewusst oder weniger bewusst die Konsumwünsche unserer Kinder? Wo versuchen wir selbst, mit erworbenen Geschenken unsere Kinder für die entgangene gemeinsame Zeit zu entschädigen? Wo signalisieren wir unseren Kindern als ihr Rollenmodell, dass für uns letztlich nur das zählt, was Geld wert ist. Sie hatte es nicht leicht, uns Zuhörern am Ende einer intensiven Vortragsreihe ins Gewissen zu reden – auch weil sie sich damit angreifbar machte. Wer aber ihre Fragen nicht zu schnell beiseite schob, sondern bereit war sich davon berühren zu lassen, konnte Gewinn daraus schöpfen.

Kontakt Symposion

Fragen und Anregungen können Sie gerne an Leonard Heffels richten.