Symposion 2011: So viel Risiko muss sein

„Lernen unsere Kinder zu wenig unterscheiden zwischen guten und schlechten Risiken? Brauchen wir eine Risiko-Erziehung, damit ihr Wagemut, ihre Abenteuerlust und Neugier unsere Kinder fördern, anstatt ihnen zu schaden und Schaden anzurichten?“ Mit diesen Fragen umriss Leonard Heffels das Thema der von ihm initiierten Veranstaltung. Davon ausgehend entfalteten vier Referenten in ihren Vorträgen ganz eigene Ansätze und Denkanstöße: ein Familienberater, eine Kämpferin gegen Kindesmissbrauch, ein Schwellenbegleiter und ein Clown.

Das Gefahrenspektrum hat sich innerhalb der letzten Jahrzehnte stark verändert und erweitert. So zumindest sieht es MATTHIAS VÖLCHERT, Gründer und Leiter von familylab Deutschland. Und er verweist dabei exemplarisch auf das Drogenangebot oder den Zugang zu Pornografie im Internet. Im Umgang mit all diesen Gefahren sieht der Familienberater die Eltern in der Rolle der Begleiter: „Wir müssen den Kindern vorleben, Verantwortung zu übernehmen für eigenes Tun und Handeln.“ Das geht nur, wenn Kinder in der Familie und auch in der Schule üben können, wie man sich selbst schützt: Kinder müssen lernen, eigene Grenzen klar zu definieren und diese selbst einzuhalten. Möglich wird ein effektives Lernen nur auf der Basis einer zuverlässigen, belastbaren Beziehung zwischen Eltern und ihren Kindern. Zeit und Zugewandtheit von Elternseite, davon ist Völchert überzeugt, bilden die Grundvoraussetzung für die Entwicklung einer derart fruchtbaren Beziehung.

Ein Bereich in dem es unerlässlich ist, Grenzen klar zu ziehen, ist der Umgang mit kindlicher Sexualität. JULIA VON WEILER, Geschäftsführerin der Berliner Organisation Innocence in Danger, hat sich dem Schutz der Kinder vor sexuellem Missbrauch verschrieben. Durch den freien Zugang zu allen Arten von Pornografie im Internet und die Popularität sozialer Netzwerke ist ihre Aufgabe nicht leichter geworden. Auf Facebook & Co. gehen Kinder und Jugendliche häufig allzu sorglos mit persönlichen Daten um. Das wissen auch potentielle Missbrauchstäter, die dort im Schutze der Anonymität ihr Unwesen treiben.

Wie aber sieht ein vernünftiger Umgang mit den modernen Medien aus? Soll Kindern etwa den Zugang zum netzfähigen Computer generell verboten werden? „Das ist weder sinnvoll, noch möglich“, lautet die nüchterne Antwort der Expertin. „Allerdings ist es wichtig, dass sich Eltern und Lehrer aktiv mit dem Thema auseinandersetzen und ehrliches Interesse zeigen für das, was unsere Kinder tun.“ Sinnvoll ist es, wie die Referentin anmerkte, in jeder Familie klare Regeln für die Nutzung des Webs festzulegen, die mit zunehmendem Alter gelockert werden können. Wenn ältere Jugendliche ohne Begleitung im Netz surfen, sollten sie wissen, an wen sie sich wenden können, falls Schwierigkeiten auftauchen. Hilfreich ist es außerdem, Kindern einen Ansprechpartner außerhalb der Familie anzubieten, an den sie sich vertrauensvoll wenden können. Lehrer sind mitunter wichtige Ansprechpartner für betroffene Kinder, weiß Frau von Weiler.

EBERHARD OTTO Psychotherapeut und Visionssucheleiter, geht mit Jugendlichen ab dreizehn Jahren in die freie Natur und führt sie dort behutsam in das Alleinsein. Nach einer Vorbereitungsphase in einer kleinen Gruppe verbringt der Heranwachsende mindestens 24 Stunden, manchmal auch länger alleine in unbesiedeltem Gelände. Alleine heißt: kein Begleiter, keine elektronischen Geräte, keine Bücher, kein Essen. Der Jugendliche soll dadurch auf sich selbst zurückgeworfen werden. Es kommt oft zu einer inneren Klärung oder einer Weg weisenden Grenzerfahrung. „Eine Visionssuche schafft es Klarheit herzustellen und hilft Struktur zu bilden, eventuell auch eine Krise zu überwinden“, berichtet Otto. In Bezug auf das Thema der Tagung könnte man sagen: Ganz auf sich gestellt lässt man den Jugendlichen alleine in der freien Natur laufen, damit er in sich selbst eine neue Lenkung seiner Schritte findet. Der Übergang vom Kind zum Erwachsenen, diese Zeit der Selbstfindung aktiv zu gestalten, ist das zentrale Anliegen der Visionssuche. Dabei spielen auch Rituale eine Rolle, wie sie von Naturvölkern bekannt sind. Bei den Ureinwohnern Nordamerikas, Afrikas oder Australiens sind Übertrittsriten bzw. Initiationen ins Erwachsenenalter bis zum heutigen Tag überliefert. Dort muss beispielsweise jeder Junge lernen, sich gänzlich von Mutter Erde tragen zu lassen, um sich von seiner leiblichen Mutter vollständig abnabeln zu können.

Der Freiburger Clown, Unternehmer und Firmenberater JOHANNES GALLI führte sich selbst als Narr ein, das heißt als ein Spezialist fürs Scheitern. Der Narr ist kein Vorbild, steht ganz unten in der gesellschaftlichen Hierarchie und hat gelernt, sich selbst nicht ernst zu nehmen. Galli sah sich damit in Opposition zum Pädagogen, den er im Laufe seiner Rede durchaus subversiv an der Nase herumzuführen verstand. Hier schloss sich die Vortragsreihe zum Kreis, denn bereits Matthias Völchert hatte klargestellt, dass Erzieher sich nicht immer vorbildlich und alles wissend, wohl aber authentisch verhalten können. Die von Völchert propagierte Gelassenheit setzt umgekehrt voraus, dass man über sich selbst lachen kann.

Was erst später in der Podiumsdiskussion zur Sprache kommen sollte, nahm Galli ohne große Ankündigung bereits vorweg: Er gab dem Thema des Symposions eine neue Wendung und verlagerte die Risikobereitschaft vom Kind hin zu uns Erwachsenen. Je mehr es uns gelingt, uns wie ein Clown mit dem Scheitern anzufreunden, umso mehr trauen wir uns Neues auszuprobieren und kreativ Lösungen zu erarbeiten. Die Gefahr Fehler zu machen erscheint dann nicht mehr so überdimensional groß. Wir werden lernfähiger, liebenswürdiger und nehmen nebenbei den Kindern die Angst, Fehler zu machen.

Die Entscheidung, wann Kinder am sinnvollsten gelenkt und wann laufen gelassen werden, bleibt erwartungsgemäß auch nach dem Symposion für die rund 120 Teilnehmer individuell abwägbar. Wohl aber gelang es im Rahmen der Veranstaltung, diesem brandaktuellen Bereich der Risiko- oder Wagniserziehung eine Plattform zu bieten, auf der viele unterschiedliche Facetten im Umgang mit diversen Gefahren und Risiken zu hören waren. Es wurde engagiert diskutiert, es gelang neue Fragestellungen aufzuwerfen und zu tieferem Nachdenken anzuregen.

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Fragen und Anregungen können Sie gerne an Leonard Heffels richten.